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Keine Frage der Ästhetik

Ob Sport treiben oder Diät halten: Das allein hilft Betroffenen nicht. Das Lipödem ist eine Erkrankung und muss als solche medizinisch und fachgerecht behandelt werden. Unser Experte erklärt, wie.

Veröffentlicht am 25.03.2021

Wie diagnostizieren Sie ein Lipödem?
Viele Patientinnen kommen nach dem Besuch eines Phlebologen (Gefässspezialisten) zu mir. Dieser hat bereits die Diagnose erstellt durch spezielle Untersuchungen und gegebenenfalls schon die konservative Therapie eingeläutet. Diese Patientinnen untersuche ich in meiner Sprechstunde nochmals klinisch. Zu einer gründlichen Anamnese gehört, Ursachen abzufragen. Man vermutet, dass das Lipödem genetisch oder hormonell bedingt ist. Eine wichtige Frage ist deshalb, seit wann die Beschwerden bestehen. Wenn die Patientinnen dann sagen, dass die Schmerzen oder Symptome seit der Pubertät, Schwangerschaft oder den Wechseljahren vorliegen, könnten Hormonumstellungen die Ursache sein. Anschliessend untersuche ich die Patientin und schaue mir die Beine, die in den meisten Fällen betroffen sind, genau an.

 

Wie sehen die Beine typischerweise aus?
Typisch für ein Lipödem ist ein säulenartiges Aussehen der Beine. Oft gehen auch entsprechende Fettpolster unterhalb der Knie damit einher sowie Hämatome oder eine Hämatom-Neigung. Deshalb taste ich Ober- und Unterschenkel ab und messe deren Umfänge an beiden Beinen. Bei einem Lipödem ist die Schwellung meist symmetrisch. Ich prüfe zudem das «Stemmer-Zeichen»: Wenn die Patientin die Zehen nach oben abspreizt und eine «Fältelung» an den Beinen besteht, kann man davon ausgehen, dass es sich um ein Lipödem handelt und nicht um ein Lymphödem. Wobei es hier auch Mischformen gibt. Ein Indiz für ein Lipödem ist auch der «Lipo-Rand». Dies bedeutet, dass Knöchel sowie Füsse und Hände von dem säulenartigen Aussehen ausgespart sind.

 

Wie lässt sich ein Lipödem behandeln?
Die wasserstrahlassistierte Liposuktion (Fettabsaugung) ist das einzig sinnvolle Verfahren für die Behandlung. Denn wenn man die Behandlungsmöglichkeiten betrachtet, die es derzeit auf dem Markt gibt, wie komplexe physikalische Entstauung (KPE) oder manuelle Lymphdrainage sowie Sport, Ernährungsumstellung oder auch die Kompression durch Flachstrickkompressionsware, haben wir keinen wissenschaftlichen Beleg für diese konservativen Therapieformen.

 

Wie läuft die wasserstrahlassistierte Liposuktion genau ab?
Das Besondere an der wasserstrahlassistierten Liposuktion im Gegensatz etwa zur klassischen Fettabsaugung ist, dass das Fett mit dem Wasserstrahl gewebeschonend entfernt wird. Zudem benötigt man nur eine kleine Menge Tumeszenz-Lösung, mit der die Beine infiltriert werden. In dieser finden sich Lokal-Anästheika, aber auch etwas Adrenalin und Bicarbonat, damit sich die Gefässe verengen. Früher wurden die Beine mit dieser Lösung regelrecht «balloniert», was oft zur Folge hatte, dass der Operateur nach einer langen Einwirkzeit die anatomischen Konturen gar nicht mehr richtig sah. Das kann bei dem schonenden Verfahren nicht passieren, weil wir hier deutlich weniger Lösung brauchen. Als Operateur kann ich die betroffenen Stellen zudem viel besser tasten. Für den Patienten ist die wasserstrahlassistierte Liposuktion schmerzärmer.

Erfolgversprechend: Bei einer Liposuktion wird Fett abgesaugt – bei der wasserstrahlassistierten trennt zudem gleichzeitig ein Wasserstrahl das Fettgewebe vom restlichen Gewebe

 

Passiert das Ganze unter Vollnarkose?
Nicht unbedingt. Ich mache das so, wie die Patienten das wünschen. Es geht auch mit einer Analgo-Sedierung, dem sogenannten «Dämmerschlaf».

 

Wie lange dauert ein solcher Eingriff in der Regel?
Gerade erst hatte ich eine Unterschenkel-Liposuktion, die zwei Stunden dauerte und bei der ich pro Bein etwa zwei Liter Fett abgesaugt habe. Die Dauer des Eingriffs hängt von der Menge ab, die abgesaugt werden muss. Man muss sich aber vor Augen führen: Eine Liposuktion beim Lipödem ist keine rein ästhetische Fettabsaugung, sondern beinhaltet ja auch, dass wir eine erhebliche Menge an Volumen wegsaugen. Deshalb wird sie schrittweise durchgeführt. Wenn also ein ganzes Bein operiert werden soll, fange ich mit dem Unterschenkel an. Wenn nach etwa acht Wochen die Unterschenkel gut verheilt sind, plane ich die Oberschenkel.

 

Welche Erfolge bringt eine Liposuktion mit sich und sind diese dauerhaft?
Klar ist: Es ist nicht damit getan, dass die Patienten beim Plastischen Chirurgen eine Fettabsaugung haben. Die Nachbehandlung ist genauso wichtig – und da ist der Patient gefragt. Ich sage deshalb immer: Ob eine Liposuktion von Erfolg gekrönt ist, liegt zu 50 Prozent in der Verantwortung von uns Fachärzten für Plastische und Ästhetische Chirurgie. Diese beinhaltet, dass man die Liposuktion fachgerecht und nach entsprechenden Standards durchführt. Das bedeutet: Eine Liposuktion sollte kein fachfremder Arzt durchführen, sondern ein Plastischer und Ästhetischer Chirurg, der auch eine entsprechende Expertise im Rahmen seiner Ausbildung gesammelt hat.

 

Und die anderen 50 Prozent muss der Patient zum Erfolg beisteuern?
Genau – mit Sport und einer Diät, die er auch beibehält, um sein Gewicht zu halten. Ebenfalls gehört die Kompression dazu: Patienten müssen vor und nach dem Eingriff die Flachstrick-Kompression tragen, das ist ganz wichtig. Wenn ein Patient damit nachlässig umgeht, kann er nicht erwarten, dass er ein nachhaltig gutes Ergebnis hat. Nach der Operation ist für einige Wochen zudem eine manuelle Lymphdrainage sinnvoll.

 

Wie bewerten Sie die Petition der Vereinigung Lipödem Schweiz, dass Liposuktion als von Krankenkassen akzeptierte Krankheit behandelt werden sollte?
Ich möchte gerne, dass es eine Kassenleistung wird. Geschätzt leidet jede zehnte Frau in der Schweiz an einem Lipödem. Man darf nicht vergessen, unter welchen enormen physischen und psychischen Belastungen die Betroffenen stehen. Deshalb sollte die Liposuktion keine Selbstzahler-Leistung sein, da aufwendige Kostenübernahmeverfahren für jeden Einzelfall das Leid der Patienten aktuell unnötig verlängern. Schliesslich hat das Ganze mit Ästhetik nichts zu tun – auch wenn auf Fettabsaugung spezialisierte Kliniken momentan nur so aus dem Boden spriessen, da es ein äusserst lukrativer Markt ist. Um den Nutzen einer Liposuktion zu belegen, brauchen wir als Plastische und Ästhetische Chirurgen wissenschaftliche Untersuchungen, die mit Evidenz den Nutzen der Behandlung untermauern.

 

 

 

Der Facharzt:
Dr. Lijo Mannil ist Chefarzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie an der Klinik für Chirurgie V am St. Vinzenz-Hospital in Köln. Einer seiner Schwerpunkte liegt auf der Behandlung des Lipödems.

 

 

Text: Nadine Schneider

Bilder: stock.adobe.com (2), Lijo Mannil (1)

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